In Sachen Elektromobilität bzw. Elektroautos gibt es eine Vielzahl von Mythen, Ängsten und Halbwahrheiten. Doch das Elektroauto ist längst kein Nischenprodukt mehr. Bereits heute ist es eine echte Alternative. Wir klären auf, was an den Mythen rund um das Elektroauto wirklich dran ist.


1. Mythos: Elektroautos machen keinen Spaß

Elektroautos sind schnell und komfortabel. Beim Beschleunigen liegt das komplette Drehmoment ab Start an und es gibt keinerlei Unterbrechung, denn es muss kein Gang gewechselt werden. Damit schafft das Tesla Model S (eine geräumige Limousine mit Platz für bis zu sieben Personen) in der Performance-Variante den Sprint von 0 auf 100 km/h in knappen 2,6 Sekunden. Zum Vergleich: der Sportwagen Porsche GT2 RS (Verbrenner) braucht für den Sprint 2,8 Sekunden. Wie beeindruckend der Tesla beschleunigt, sollte jeder mal bei einer Probefahrt erleben. Mehr Spaß geht nicht.

Und der Komfort kommt dabei nicht zu kurz. Die Elektromotoren erzeugen nur ein leises Surren, insbesondere bei niedrigen Geschwindigkeiten ist es damit flüsterleise im Innenraum, sogar bei maximaler Beschleinigung. Die Rekuperation (Bremsenergie zum Wiederaufladen des Akkus) sorgt bei einigen Modellen, wie dem Nissan Leaf, sogar dafür, dass man nur noch ein Pedal zum Fahren braucht (One-Pedal-Feeling/-Driving).

In Sachen Spaß bei gleichzeitigem Komfort reicht derzeit kein Fahrzeug an Elektroautos heran. Im Übrigen einer der Hauptgründe, warum wir das Konzept so lieben und uns tagtäglich damit beschäftigen.

Das Tesla Model S bietet für bis zu sieben Personen Platz und beschleunigt in 2,6 Sekunden von 0 auf 100 km/h.

2. Mythos: Elektroautos sind nur für die Stadt gedacht

Das bevorzugte Revier von Elektroautos ist natürlich die Stadt. Hier spielt es seine vollen konzeptionellen Vorteile aus: Viele Kurzstrecken, stockender Verkehr und der ein oder andere Ampel-Sprint. Mittlerweile braucht man aber auch vor langen Etappen keine Reichweitenangst mehr zu haben.

Der KIA e-niro zum Beispiel schafft heute schon bis zu 455 km laut WLTP. Damit sollte selbst im Winter eine Reichweite von 300 km möglich sein. Der kommende VW ID.3 soll sogar bis zu 550 km (77 kWh) nach WLTP schaffen. Das Tesla Model S setzt sogar noch eine Schippe drauf: hier sind bis zu 610 km nach WLTP möglich.

Damit sind bereits heute längere Strecken problemlos möglich. Und nach zwei bis drei Stunden am Steuer sollte man der Sicherheit zuliebe sowieso eine Pause machen. Damit können Elektroautos mehr als „nur Stadt“!

Trotz eines nur noch zu ca. 75 % vollen Akkus schafft ein älteres Modell vom Model S immer noch über 320 km.

3. Mythos: Es gibt nicht genug Ladesäulen

Laut dem Bundesverband der Energie und Wasserwirtschaft (BDEW) gibt es mittlerweile über 17.400 öffentliche Ladepunkte in Deutschland. Bereits 12 Prozent oder 2.088 Ladepunkte sind davon Schnelllader.

Zum Beispiel baut das Gemeinschaftsunternehmen IONITY derzeit ein Schnelllade-Netz von bis zu 400 Standorten an europäischen Autobahnen auf (Fertigstellung bis Ende 2020). Darüber hinaus gibt es bereits heute viele in den Alltag integrierte Möglichkeiten, sein Elektroauto aufzuladen, wie bei Hotels, auf dem Supermarkt-Parkplatz oder auch in öffentlichen Parkhäusern. Und wenn man sogar eine eigene Garage oder Carport hat, kann man sein Elektroauto bequem zu Hause laden – wer kann das schon bei einem Verbrenner behaupten?

In Kombinationen mit den größeren Reichweiten der heutigen und kommenden Modelle der Fahrzeughersteller findet sich immer ein passende Lademöglichkeiten. Somit ist die Angst unbegründet, dass man irgendwo in der Pampa liegen bleibt.

Ein BMW i3s lädt an einer Schnellladesäule.

4. Mythos: Das Laden dauert zu lange

Volkswagen hat vor kurzem geschätzt, dass zukünftig 70 Prozent der Ladevorgänge zu Hause oder am Arbeitsplatz stattfinden, wo die Ladedauer eher eine untergeordnete Rolle spielt, wenn eine Wallbox verwendet wird. Eigentlich spielt die Ladedauer fast nur beim Schnellladen an der Autobahn eine wichtige Rolle.

Zuvor sei gesagt, dass man natürlich sehr langsam laden kann, wenn man will. So geht es mit knapp drei bis vier Kilowatt über die Haushaltssteckdose, welche für Elektroautos nicht ausgelegt ist. Eine etwas schnellere Möglichkeit ist Typ2 mit bis zu 40 kW, welche hauptsächlich in Städten verbreitet ist. Der Schnellladestandard setzt jedoch auf CCS.

Auch in der Stadt gibt es z.B. beim Einkaufen Möglichkeiten mit CCS mit bis zu 50 kW zu laden. Damit lässt sich der KIA e-niro bei einer Stunde Einkaufen (rein rechnerisch) um 356 km aufladen. In der Realität sollte mindestens eine Reichweite von 285 km drin sein.

Die 50-kW-Ladesäulen zählen zwar nicht zu langsamen, aber es bahnt sich immer mehr der Standard von 100 bzw. 125 kW an. Mit 100 bzw. 125 kW ließe sich der Akku vom e-niro rein rechnerisch innerhalb von 37 Minuten bzw. 30 Minuten vollladen. In der Realität sind es vielleicht eher 45 Minuten, aber dann hat man auch seine 455 km Reichweite. Ladesäulen von IONITY verfügen auch schon über 350 kW. Hier würde es beim KIA rechnerisch nur noch schlappe 10 Minuten (in der Realität eher 15 Minuten) dauern.

In den obigen Rechnungen muss man zudem immer beachten, dass diese darauf basieren, dass der Akku auf null Prozent leergefahren wurde, was höchst unrealistisch ist. Meistens hat man noch mindestens 20 Prozent übrig, was die restliche Ladezeit deutlich reduziert. Mehr dazu findet Ihr hier.

Doch grundsätzlich muss man seine „Tank-Gewohnheit“ ändern. Man lädt sein Elektroauto halt dort, wo man gerade parken würde. Außer bei Schnellladern auf der Autobahn wird es wohl nur sehr selten so sein, dass man mit dem Auto zur Ladesäule fährt und wie bei einem Verbrenner darauf wartet, dass es fertig aufgeladen ist, um weiterzufahren.

Ein Volkswagen e-Up! lädt via Typ2.

5. Mythos: Es gibt keine bezahlbaren Elektroautos

Ja, Elektroautos sind derzeit bei den Anschaffungskosten teurer als ein Benziner oder Diesel. Aber mittlweile gibt es gleich mehrere erschwingliche Modelle, wie zum Beispiel den smart forfour EQ ab 22.600 Euro oder den KIA e-niro (64 kWh und bis zu 455 km Reichweite) ab 39.090 Euro. Die Preise werden in den nächsten Jahren noch weiter fallen, sodass es bald keinen Preis-Unterschied mehr geben wird.

Auch wenn die Hersteller die „Umweltprämie“ bei der Kalkulation der Preise mit Sicherheit einbeziehen – sprich die Autos 4.000 Euro teurer machen, kann man von den oben genannten Preisen eben diesen Betrag wieder abziehen. Somit ist ein Einstieg in die Welt der Elektroautos schon heute bei Neuwagen für unter 20.000 Euro für die Stadt und weit unter 40.000 Euro für die Langstrecke möglich.

Zusätzlich sind Elektroautos im laufenden Unterhalt wesentlich günstiger als ein vergleichbarer Verbrenner. Man zahlt keine KFZ-Steuer (Befreiung für 10 Jahre) und der Wartungsaufwand ist geringer. Elektroautos brauchen kein frisches Öl, die Bremsen werden durch die Rekuperation geschont und es gibt weniger bewegliche Teile im Fahrzeug. Weiterhin kann man an einigen Ladesäulen zumindest aktuell kostenlos laden. Beispiel: Für eine 600-km-Strecke mussten wir nur knapp 17 Euro Stromkosten zahlen.

Es muss nicht immer teuer sein. Hier ist ein älteres smart-Modell zu sehen. Der smart forfour electric drive ist gebraucht teilweise schon für unter 16.000 Euro zu haben.

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