Der Nissan e-NV200 bekommt Konkurrenz. Der Mercedes-Benz EQV soll in der zweiten Jahreshälfte in 2020 erscheinen und strotzt nur so vor beeindruckenden Leistungsdaten…


Premium-Großraumlimousine von Daimler

Wer schon einmal mit dem Nissan e-NV200 unterwegs war, weiß: Platz gibt es, aber Qualität ist hier doch eher weniger vorhanden. Gerade deshalb wird der EQV so spannend. Grundsätzlich wird die Qualität sicher höher liegen, doch sehen wir uns den EQV optisch einmal nähern an.

Von außen gibt es zum Verbrenner-Modell „V-Klasse“ kaum Unterschiede. So beläuft sich die Länge auf knapp über 5 Meter. Somit ist er also ähnlich lang wie der NIO ES8, aber sogar mehr als einen halben Meter länger als der Evalia (e-NV200) von Nissan. Doch neben den Abmessungen gibt es tatsächlich einen kleinen Unterschied zwischen der V(erbrenner)-Klasse und dem EQV: Die Front sieht moderner aus und wurde an die EQ-Serie angepasst. Dies bezieht sich vor allem auf den Black-Panel-Kühlergrill mit Chromlamellen. Zusätzlich findet sich der Ladeport ebenfalls vorne. Doch auch die Reifen zeichnen die EQ-Serie mit ihren 18-Zoll-Leichtmetallrädern ab.

© Daimler AG

Doch wie sieht das „Premium“-Fahrzeug innen aus? Die Verarbeitung selbst lässt sich bis jetzt natürlich nur schwer beurteilen, aber der EQV macht Eindruck und wird wahrscheinlich auf dem gleichen Niveau wie das Verbrenner-Modell der V-Klasse liegen. Im Vergleich zum e-NV200 wirkt der gesamte Wagen hochwertig. Doch im Cockpit fällt eines auf: Daimler ist noch im Zeitalter der Knöpfe und Schalter. Allein das Lenkrad besitzt zwölf und dann gibt es noch welche an den Türen, links hinter neben dem Lenkrad, Schalter in der Mitte unter dem Infotainmentsystem und dann noch weitere Knöpfe darunter. Wer auf Knöpfe und Schalter steht, ist hier also richtig aufgehoben. Alle anderen müssen sich erstmal wieder zurückgewöhnen. Auf uns macht das Cockpit einen Verbrenner-Eindruck und nicht den Eindruck eines Elektroauto-Cockpits.

© Daimler AG

Insgesamt bietet der EQV ordentlich Platz. Durch den flexiblen Einbau von Einzelsitzen oder Sitzbänken lässt sich der EQV sogar von 6- bis zum 7- oder gar 8-Sitzer umfunktionieren. Der Gepäckraum kann (je nach Ausstattung) bis zu 1.030 Liter bieten.

Das Multimediasystem MBUX

© Daimler AG

Ähnlich dem Mercedes-Benz EQC erhält auch der EQV das MBUX – das Multimediasystem von Mercedes-Benz. Das Hauptdisplay in der Mitte des Fahrzeuges zeigt auf einer Größe von 10 Zoll Werte über den Ladestrom, die Abfahrtzeit, den Energiefluss oder auch ein Verbrauchshistogramm an. Natürlich beherrscht das System aber auch grundlegende Funktionen wie Musikwiedergabe, Radio, Klimatisierung, Lichtsteurung, Navigation und vieles mehr. Mit an Bord ist auch eine Sprachsteuerung. Wie bei allen Fahrzeugen mit Sprachsteuerung stellt sich hier für uns die Frage, ob das Fahrzeug auch ohne diese verfügbar sein wird.

Die Technik unter der Haube

Was uns besonders überrascht hat, sind bei einem Fahrzeug von Mercedes-Benz die Leistungsdaten. So kommt der EQV mit einer Motorleistung von 150 kW, einer Akkukapazität von 100 kWh und einer Reichweite von ungefähr 400 km mit einer einzigen Ladung. Der Verbrauch liegt beim EQV jedoch ziemlich hoch, wie man aus der Akkupazität und der Reichweite berechnen kann: So sind es 25 kWh/100 km bis zu 27 kWh/100 km (letztere ist die bisherige offizielle Angabe seitens Mercedes-Benz). Jedoch darf man bei einem zugelassenen Gesamtgewicht von bis zu 3,5 Tonnen auch keinen viel besseren Verbrauch erwarten.

Für Autobahn gemacht, fürs Rasen zum Glück nicht: Der EQV kommt mit einer Höchstgeschwindigkeit von 160 km/h auf den Markt.

© Daimler AG

Was uns jedoch sogar noch mehr freut als die Motor- und Akkudaten, ist die hohe DC-Ladeleistung von bis zu 110 kW. Somit können 10 bis 80 Prozent des Akkus in knapp unter 45 Minuten wieder aufgeladen werden.

Wo Mercedes-Benz, wie auch beim EQC, jedoch leider enttäuscht ist die AC-Ladung: Auch hier darf man nicht vergessen, dass die meisten Hersteller nur 11 kW zur Verfügung stellen, aber Renault macht es im preiswerten ZOE vor, dass auch mehr für weniger Geld möglich ist.

Beim Laden an öffentlichen Ladesäulen dürfte der EQV jedoch auf ein ähnliches Konzept setzen wie der EQC. So ist an IONITY-Ladesäulen keine gesonderte Authentifizierung mehr notwendig, sondern das Fahrzeug authentifiziert sich selbst. Das ist tatsächlich eine der wenigen Funktionen von Mercedes-Benz, wo sie schon weiter sind als die Konkurrenz. Sollte der EQV auch über diese Möglichkeit verfügen heißt es: Adieu Ladekarten und nerviges Authentifizieren (zumindest bei IONITY). Dank der Mitgliedschaft von Mercedes-Benz bei IONITY lässt sich hier das sonst so stark überteuerte Schnellladenetz sogar relativ sorgenfrei nutzen.

Schön ist auch die manuell während des Fahrens änderbare Intensität der Rekurperation anhand von Schaltwippen hinter dem Lenkrad. So soll es hier eine Möglichkeit von Verbrenner-Fahrstil bis hin zum Elektroautofahrstil (One-Pedal-Driving) geben.

Unsere Meinung

Insgesamt hoffen wir sehr, dass die drei großen Automobilkonzerne Deutschlands eine Kehrtwende vollziehen und die Elektromobilität ernst nehmen. Doch wir haben das Gefühl, dass Volkswagen dies als einziger deutscher Konzern wirklich ernst nimmt. BMW hat scheinbar schon völlig aufgegeben. Doch was wir hier bei Daimler sehen ist ebenfalls spannend: Mercedes-Benz setzt nicht, wie es sinnvoll wäre, auf eigene Elektroautobaukästen. Stattdessen bringen sie mithilfe des Conversion-Designs Stück für Stück Verbrenner-Modelle als Elektroautos auf den Markt.

Als Elektroautoentusiasten finden wir es grundsätzlich schön, dass Mercedes-Benz Elektroautos auf den Markt bringt, allerdings finden wir es sehr schade, dass sie es scheinbar nicht ernst genug nehmen, um eine eigene Plattform (ähnlich wie Volkswagen mit dem MEB) zu entwickeln. So kann der Platz im Fahrzeug leider nicht entsprechend der Elektroauto-Technologie ausgenutzt werden. Man muss hier jedoch erwähnen, dass der Aufbau des EQV schon leicht an das eines Elektroautos angepasst wurde und der Akku im Fahrzeugboden flach positioniert wurde und nicht wie (z.B.) beim e-Golf die Lücken und freien Hohlräume im Boden komplett ausfüllt.

Ein weiterer Kritikpunkt unsererseits ist: Mercedes-Benz preist den EQV heute schon als „Premium-Großraumlimousine“ an. Auch wenn der Preis noch nicht bekannt ist, wird er sicher nicht unter 50.000 Euro beginnen. Mercedes-Benz ist und war schon immer ein Premium-Hersteller und das ist auch in Ordnung. Allerdings werden Elektroautos von Mercedes-Benz so erst sehr spät den Massenmarkt erreichen können. Dafür braucht es eigentlich Fahrzeuge im Preissegment des Volkswagen e-up!, Renault ZOE, Opel Corsa-e oder auch des Volkswagen ID.3.

Und dennoch: Die technischen Daten des EQV klingen wirklich spannend und hier bekommt man wieder ein Stück Hoffnung, dass Mercedes-Benz doch ein wenig Lust an der Elektromobilität hat. In sofern hoffen wir auf das Beste. Schließlich ist der Preis ja noch nicht bekannt und auch sonst können wir noch gespannt sein, welche EQ-Modelle auf den Markt kommen sollen. Vielleicht vollzieht Mercedes-Benz doch noch eine Kehrtwende und richtet sein Unternehmen für die Zukunft aus. Schlussendlich freuen wir uns über die nun zweite Großraumlimousine im elektrischen Segment. Ein Fahrspaß wird er sicher sein…


Quellen: media.daimler.com, nissan.de


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